©Monika Bauß / Mark Wischnewski / Lucas Wischnewski 2011-2018

Die fast wahre Geschichte über Saltatio Mortis

An einem trüben Winterabend hing Falk Irmenfried von Hasen-Mümmelstein müde in seinem Sessel. Mit letzter Kraft umklammerte er den fast leeren Met-Becher. „Es ist schon ganz schön beschissen, der letzte Spielmann zu sein!“, murmelte er in seinen Bart. Plötzlich fühlte er, wie Kälte in seine bescheidene Hütte kroch. Er sank tiefer in seinen Sessel. Doch so sehr er sich auch wehrte, die Kälte zog ihn mit klammen Fingern vor die Tür. Zwei schaurige Gestalten standen davor. Einer in Rot gekleidet, der andere ganz in Schwarz. „Tod und Teufel!“, schoss es durch Mümmelsteins Kopf. „Du bist ein Spielmann, stimmt’s?“, fragte die rote Gestalt, die auch noch eine rote Strähne im Haar hatte. „Oh ja, der letzte Spielmann! Ein sündhaft Element!“, folgerte der riesige Schwarze mit einem hämischen Grinsen im Gesicht. Entsetzen stand Mümmelstein ins Gesicht geschrieben, als vor seinem geistigen Auge seine Sünden vorüberzogen. Und das waren nicht wenige... Na, das war’s dann wohl. Er wollte sich gerade geschlagen geben, als ihm etwas einfiel. „Nach einer alten Spielmannssitte ist es Recht und Brauch, um sein Lasterleben zu würfeln!“, forderte er die beiden Gestalten heraus. Der Mann in Schwarz baute sich vor ihm auf und wuchs dabei um noch mal mindestens 20 Zentimeter. „Du glaubst, wir wollen dein Leben beenden?“ Eifrig nickte Mümmelstein, dass seine langen Haare nur so flogen. „Ihr seid doch Tod und Teufel?“, vergewisserte er sich. „Oh nein!“, sprach der Schwarze Mann. „Wir sind zwar von so manchem gefürchtet und gehasst, aber wir sind weder Tod, noch Teufel!. Darf ich vorstellen?“ Mit ausgestrecktem Zeigefinger wies er auf die Gestalt in Rot. „Alea der Bescheidene. Und ich bin Lasterbalk der Lästerliche. Jeder Einzelne von uns dachte, er sei der letzte Spielmann. Und jetzt komm mit uns, wir gehen unseren Weg! Immer vorwärts, egal wohin es geht! Komm mit uns und bleib nicht stehen! Dieser Weg ist steinig, doch es lohnt ihn zu gehen...“ Mümmelstein überlegte nicht lange. Er hängte sich seine Drehleier um, warf den Dudelsack über die Schulter, setzte seinen Piratenhut auf, nahm die letzte Flasche Met, die heilige Nikon und die „Anti-La-Ride-Creme“ mit. Während die drei Spielleute über das flache Land stiefelten, leerten sie fröhlich den Met. Und wo immer sie in ein Dorf kamen, spielten sie auf dem Marktplatz ihre Musik. Mümmel spielte die Drehleier, Alea blies seine geliebte Drachenkopf-Sackpfeife und Lasterbalk war der Märchen- Onkel der kleinen Band. Er schlug die Davul und sorgte mit manch schlüpfrigem Spruch für Belustigung. Und sie wurden recht gut belohnt. Mal mit Naturalien, mal mit Talern. Aber trotz allem reichte es so gerade zum Überleben. Als sie in einer langweiligen Hafenstadt ankamen, nahm der Marktvogt, Eduard von Sonnenschein, die Jungs beiseite. „Das hier bringt doch nichts!“ Mit dem Finger zeigte er auf einen unsichtbaren Punkt im Meer. „Dort hinten, an den fernen Ufern, wo die Sonne mit dem Horizont verschmilzt, da liegt das Gold auf der Straße! Dort gibt es Ruhm, Reichtum, Met und schöne Frauen. Ja, und so kam es, dass sie im Hafen ein kleines Segelschiff mit dem schönen Namen „Loch Lomond“ entdeckten. Weit und breit war niemand von der Crew zu sehen. Geschickt hüpfte Alea an Bord und schaute sich um, während Lasterbalk und Mümmelstein pfeifend auf der Pier standen. Nach einiger Zeit tauchte der Rotschopf wieder auf. „Die Luft ist rein, kommt an Bord!“ Falk rückte seinen Piratenhut gerade und marschierte über die Gangway, ganz so, als wäre er der Käpt’n persönlich. „… wonderful living, the life of the pirates....“, sang er laut. Alea war inzwischen im Frachtraum verschwunden und suchte nach dem Wichtigsten überhaupt: Den Rumfässern! Leise wie eine Katze schlich er zwischen der Ladung herum. Da legte sich plötzlich eine große Hand auf seine Schulter. Erschrocken fuhr Alea herum und schaute in ein junges Männergesicht, dessen Haare von einem Piratentuch verdeckt wurden. In der anderen Hand hielt der Mann eine Zahnbürste und eine Zahnpastatube. „Mist, ich habe die falsche Zahnpasta erwischt, die hier schmeckt nicht. Kann ich mal deine benutzen?“, fragte er grinsend. Für einen Moment dachte Alea darüber nach, ob er Alarm schlagen sollte. Doch dann nahm er seine Tasche von der Schulter und begann darin zu wühlen. Es dauerte einige Zeit, bis er eine gelbe Zahnpastatube mit einem grünen Drachen drauf hervorzog. „Hier, die ist mit Erdbeergeschmack. Die schmeckt echt toll. Ist meine Lieblingszahnpasta.“ „Danke schön! Übrigens, ich bin El Silbador. Manche sagen auch Elsi. Und ich bin der letzte Spielmann...“, stellte er sich vor. „Nein, bist du nicht! Auch ich bin ein Spielmann. Und die beiden, die mir dabei helfen das Schiff zu klauen, sind auch welche. Gestatten: Alea der Bescheidene!“ El Silbador hatte kein Problem damit, dass das Schiff gekapert wurde und er gleich mit. Hauptsache, er war keines Herren Knecht. Lasterbalk fand eine alte Holzkiste und zog ein Knäuel von Flaggen heraus. Er wühlte eine Zeitlang herum, bis er das passende Stück Stoff in der Hand hielt. „Die ist es!“ Schwarz wehte nun das Banner mit dem weißen, lachenden Totenhaupt über ihren Köpfen und sie sangen ihre Lieder viel viel lauter, als erlaubt. Vor allem, wenn sie mal wieder ein Rumfass geleert hatten. Dann hörte man schon morgens früh die Spielleute singen: „What shall we do with the drunken sailor - early in the morning?“ Elsi entpuppte sich als echter Vollblut-Spielmann. Er hatte jede Menge Sackpfeifen im Gepäck. Seine besonderen Lieblinge waren eine schottische Highlandpipe und ein Hümmelchen. Außerdem spielte er noch Schalmei, Uilleann Pipes und Whistles. Und so segelten sie weiter, immer weiter, bis der Mond die Sonne verführte - bis der Himmel das Meer berührte. Sie säten den Wind und ernteten den Sturm, der sie in Windeseile an ferne Ufer pustete. Schließlich legten sie am Hafen der Stille an. Mit dicken Seesäcken über den Schultern verließen sie ihr Schiff. Zusätzlich trug Elsi noch eine lila Stofftasche mit einer Miezekatze drauf. Zu Fuß machten sie sich auf den Weg und gingen erst einmal Shoppen: Brot, Käse, Schinken, Thunfischsalat, Nudeln und Pesto. Und sie waren noch ganz zuversichtlich, dass sie noch zu Ruhm, Reichtum und schönen Frauen finden würden. Den Met hatten sie schon im Gepäck. Die Straße führte sie in einen Wald, der überhaupt kein Ende nahm. Mitten in der Nacht machten sie schließlich erschöpft Rast. Bleiches Mondlicht schien auf eine kleine Lichtung. „Hier sollten wir übernachten! Das ist doch eine schöne Stelle. Richtig romantisch!“, schwärmte Falk. Sie hatten ihr Gepäck noch nicht ganz abgestellt, als sie ein unheimliches, leises Knurren vernahmen. „Alea, lass das!“, fauchte Elsi, der sich im Wald nicht wirklich wohl fühlte, seinen Kollegen an. Grinsend tänzelte Alea um ihn herum. „Schließ deine Augen, schönes Kind, lausche still, mein Lied beginnt. Erzähle dir von einer Welt, in der...“ Mitten im Satz brach Alea ab. Das Knurren war erheblich lauter geworden, bedrohlicher und viel näher als zuvor. Die Spielmänner rückten näher aneinander. „Könnte ein wilder Hund sein“, schlug Lasterbalk vor. „Ja, ein sehr wilder Hund. Oder vielleicht ein Bär?“, rätselte Mümmelstein weiter. Es dauerte keine drei Sekunden mehr, bis sie wussten, was es war: Ein riesiger Wolf. Das Mondlicht fiel auf sein graues Fell und auf etwas, das er mit spitzen Reißzähnen in seinem riesigen Maul festhielt. Sabbernd senkte er den Kopf und ließ seine Beute auf den Waldboden fallen. „Seht ihr dasselbe, was ich sehe?“, flüsterte Alea fast tonlos. „Sieht aus wie ein menschlicher Arm...“, murmelte El Silbador und musste ein bisschen würgen. Schnüffelnd schaute der Wolf die Spielleute an. Er zog die Lefzen hoch und entblößte rasiermesserscharfe Zähne. „Es ist nicht nur ein menschlicher Arm, sondern ein menschlicher blutiger Arm! Genauso, wie ich es mag!“, knurrte der Wolf. „Wow! Ein Werwolf! Ich dachte, so was gäbe es nur im Märchen!“, sagte Lasterbalk überrascht. „Wow, ein Riese!“, gab der Wolf zurück. „Ich dachte, so was gäbe es nur im Märchen! Und im Märchen wird die Hauptfigur immer in letzter Sekunde gerettet. Wie gesagt, im Märchen...“ „O.k. Ich werde dir ein Angebot machen, Werwolf“, fuhr Lasti fort. „Dafür, dass du uns verschonst, gebe ich dir meinen silbernen Bauchgurt. Was hältst du davon?“ Mit einem verächtlichen Schnauben drehte der Wolf sich zu Elsi um. El Silbador konnte nicht den Blick von den eisblauen Augen des Werwolfs abwenden. Er war wie gefesselt. „Dich will ich! Und jetzt schau der Bestie ins Gesicht, benenne sie beim Namen. Du weißt ja, schöne Worte heilen nicht die Wunden, die geschlagen. Schau der Bestie ins Gesicht – erkenn in meinen Augen – den Zorn der meine Seele nährt und Frieden mir verwehrt“, knurrte der Wolf. „Varulven... du heißt Varulven...“, flüsterte Elsi fasziniert. „Komm her, El Silbador. Dein Name und dein junges Blut gefallen mir!“ lockte der Werwolf. Wie eine Marionette setzte sich der Sackpfeifenspieler in Bewegung, um dem Wolf zu folgen. „Elsi! Nein! Geh nicht! Er wird dich fressen...“ riefen die anderen Spielleute entsetzt.

Die fast wahre Geschichte über Saltatio

Mortis

An einem trüben Winterabend hing Falk Irmenfried von Hasen- Mümmelstein müde in seinem Sessel. Mit letzter Kraft umklammerte er den fast leeren Met-Becher. „Es ist schon ganz schön beschissen, der letzte Spielmann zu sein!“, murmelte er in seinen Bart. Plötzlich fühlte er, wie Kälte in seine bescheidene Hütte kroch. Er sank tiefer in seinen Sessel. Doch so sehr er sich auch wehrte, die Kälte zog ihn mit klammen Fingern vor die Tür. Zwei schaurige Gestalten standen davor. Einer in Rot gekleidet, der andere ganz in Schwarz. „Tod und Teufel!“, schoss es durch Mümmelsteins Kopf. „Du bist ein Spielmann, stimmt’s?“, fragte die rote Gestalt, die auch noch eine rote Strähne im Haar hatte. „Oh ja, der letzte Spielmann! Ein sündhaft Element!“, folgerte der riesige Schwarze mit einem hämischen Grinsen im Gesicht. Entsetzen stand Mümmelstein ins Gesicht geschrieben, als vor seinem geistigen Auge seine Sünden vorüberzogen. Und das waren nicht wenige... Na, das war’s dann wohl. Er wollte sich gerade geschlagen geben, als ihm etwas einfiel. „Nach einer alten Spielmannssitte ist es Recht und Brauch, um sein Lasterleben zu würfeln!“, forderte er die beiden Gestalten heraus. Der Mann in Schwarz baute sich vor ihm auf und wuchs dabei um noch mal mindestens 20 Zentimeter. „Du glaubst, wir wollen dein Leben beenden?“ Eifrig nickte Mümmelstein, dass seine langen Haare nur so flogen. „Ihr seid doch Tod und Teufel?“, vergewisserte er sich. „Oh nein!“, sprach der Schwarze Mann. „Wir sind zwar von so manchem gefürchtet und gehasst, aber wir sind weder Tod, noch Teufel!. Darf ich vorstellen?“ Mit ausgestrecktem Zeigefinger wies er auf die Gestalt in Rot. „Alea der Bescheidene. Und ich bin Lasterbalk der Lästerliche. Jeder Einzelne von uns dachte, er sei der letzte Spielmann. Und jetzt komm mit uns, wir gehen unseren Weg! Immer vorwärts, egal wohin es geht! Komm mit uns und bleib nicht stehen! Dieser Weg ist steinig, doch es lohnt ihn zu gehen...“ Mümmelstein überlegte nicht lange. Er hängte sich seine Drehleier um, warf den Dudelsack über die Schulter, setzte seinen Piratenhut auf, nahm die letzte Flasche Met, die heilige Nikon und die „Anti-La- Ride-Creme“ mit. Während die drei Spielleute über das flache Land stiefelten, leerten sie fröhlich den Met. Und wo immer sie in ein Dorf kamen, spielten sie auf dem Marktplatz ihre Musik. Mümmel spielte die Drehleier, Alea blies seine geliebte Drachenkopf-Sackpfeife und Lasterbalk war der Märchen-Onkel der kleinen Band. Er schlug die Davul und sorgte mit manch schlüpfrigem Spruch für Belustigung. Und sie wurden recht gut belohnt. Mal mit Naturalien, mal mit Talern. Aber trotz allem reichte es so gerade zum Überleben. Als sie in einer langweiligen Hafenstadt ankamen, nahm der Marktvogt, Eduard von Sonnenschein, die Jungs beiseite. „Das hier bringt doch nichts!“ Mit dem Finger zeigte er auf einen unsichtbaren Punkt im Meer. „Dort hinten, an den fernen Ufern, wo die Sonne mit dem Horizont verschmilzt, da liegt das Gold auf der Straße! Dort gibt es Ruhm, Reichtum, Met und schöne Frauen. Ja, und so kam es, dass sie im Hafen ein kleines Segelschiff mit dem schönen Namen „Loch Lomond“ entdeckten. Weit und breit war niemand von der Crew zu sehen. Geschickt hüpfte Alea an Bord und schaute sich um, während Lasterbalk und Mümmelstein pfeifend auf der Pier standen. Nach einiger Zeit tauchte der Rotschopf wieder auf. „Die Luft ist rein, kommt an Bord!“ Falk rückte seinen Piratenhut gerade und marschierte über die Gangway, ganz so, als wäre er der Käpt’n persönlich. „… wonderful living, the life of the pirates....“, sang er laut. Alea war inzwischen im Frachtraum verschwunden und suchte nach dem Wichtigsten überhaupt: Den Rumfässern! Leise wie eine Katze schlich er zwischen der Ladung herum. Da legte sich plötzlich eine große Hand auf seine Schulter. Erschrocken fuhr Alea herum und schaute in ein junges Männergesicht, dessen Haare von einem Piratentuch verdeckt wurden. In der anderen Hand hielt der Mann eine Zahnbürste und eine Zahnpastatube. „Mist, ich habe die falsche Zahnpasta erwischt, die hier schmeckt nicht. Kann ich mal deine benutzen?“, fragte er grinsend. Für einen Moment dachte Alea darüber nach, ob er Alarm schlagen sollte. Doch dann nahm er seine Tasche von der Schulter und begann darin zu wühlen. Es dauerte einige Zeit, bis er eine gelbe Zahnpastatube mit einem grünen Drachen drauf hervorzog. „Hier, die ist mit Erdbeergeschmack. Die schmeckt echt toll. Ist meine Lieblingszahnpasta.“ „Danke schön! Übrigens, ich bin El Silbador. Manche sagen auch Elsi. Und ich bin der letzte Spielmann...“, stellte er sich vor. „Nein, bist du nicht! Auch ich bin ein Spielmann. Und die beiden, die mir dabei helfen das Schiff zu klauen, sind auch welche. Gestatten: Alea der Bescheidene!“ El Silbador hatte kein Problem damit, dass das Schiff gekapert wurde und er gleich mit. Hauptsache, er war keines Herren Knecht. Lasterbalk fand eine alte Holzkiste und zog ein Knäuel von Flaggen heraus. Er wühlte eine Zeitlang herum, bis er das passende Stück Stoff in der Hand hielt. „Die ist es!“ Schwarz wehte nun das Banner mit dem weißen, lachenden Totenhaupt über ihren Köpfen und sie sangen ihre Lieder viel viel lauter, als erlaubt. Vor allem, wenn sie mal wieder ein Rumfass geleert hatten. Dann hörte man schon morgens früh die Spielleute singen: „What shall we do with the drunken sailor - early in the morning?“